Land der Berber

Als die Weite der Ebene die Blicke immer mehr anzieht, braeuchte es nur die Fluegel auszubreiten. Man wuerde ueber ein scharf gekerbtes Seitental gleiten, ueber den, mit Baeumen bestandenen Platz, vor der weiss leuchtenden Schule fliegen und auf einer mit Stuehlen und kleinen Teppichen belegten Terasse von Fathie landen. Aber wir nehmen die schroff abfallende Strasse, fuellen die Flaschen an der Dorfquelle und kurbeln zum belebten kleinen Zentrum von Toujane.

Fathie verhandelt gerade mit zwei Deutschrussinnen ueber einen groesseren Teppich. Spaeter bekommen wir Betten zwischen dem Haus seiner Eltern und dem mit eindrucksvollen Berberteppichmustern gefuellten Laden. Im Lampenlicht essen wir Fleischspiess, geduenstetes Gemuese, schluerfen suess-bitteren Schwarztee und reden ueber Bienen, das Dorf, die Familie.

Das an den Atlas sich anschmiegende Dahar-Gebirge zeigt keine Tausendergipfel, dafuer imposante, schroff abfallende Tafelberge, unterbrochen von engen Canyons und ausladenden Taelern. Mancherorts touchiert Schwefelgelb, Gischtweiss und Rostbraun die Oberflaeche. Seit Jahrtausenden ist das Dahar von Berberstaemmen besiedelt, zeigen langgestreckte Terassenfelder die Nutzung des sonst oeden Berglandes. So es mal regnet, wird hier Wasser fuer Oliven, Palmen und Gaerten gefangen. Neben dieser Lebensgrundlage entwickelte sich eine besondere Architektur der halbnomadischen Berberstaemme.

Zwischen Matmata und den suedoestlich von Tataouine gelegenen Anhoehen des Oued Zondag entstanden jahrhunderte alte Troglodyten und Ksour. Erstere sind Hoehlenwohnungen, die tonnenfoermige, metertiefe Bauten darstellen. Der Patio meist mit Brunnen und horizontal abgehenden Wohn-Koch und Vorratsraeumen. Nach draussen gibt es eine Tuer, meist mit der Hand der Fatima verziehrt. Diese Bauweise spendet gutes Raumklima, laesst einen modernen Lebensstandart aber nur teilweise zu. Die Mehrheit, vor allem der juengeren Bevoelkerung, wechselt in neu errichtete Plattenbauten. Hier ist Klimanalage Pflicht, der Komfort von Waschmaschine und Elektrokueche willkommen.

Ksar, in der Mehrzahl Ksour, ist keine eindeutige Bauform und kann eine wehrhafte Wohnburg oder ein antikes Mausoleum bezeichnen. In Suedtunesien sind damit die typischen Speicherburgen benannt. Ueber einander geschichtete Tunnelgewoelbe, mit, von aussen, halsbrecherischen Stufen versehen. Meist um einen Platz gestellt, dienten sie als Handels und Rastplaetze sowie Lager fuer vorbei ziehende Karawanen.

Das Licht des sich haeutenden Himmels und der in der Ebene aufsteigende Vulkan klopfen an den, in der Nacht windschlagenden Fensterladen. Vor den winzigen Laeden stehen leuchtende Baquettes in Plastikkoerben verteilt. Als Hauptnahrungsmittel wandern sie rasch in Kinderhaende, unter den Burnus, den traditionellen Mantel der Maenner, in die Koerbe der mit warmen Kopf und Schultertuch einkaufenden Frauen. Hinter einem bruechigen Tor wird die zweite Ziege zum schlachten gebracht. Maenner kehren Muell und Staub zu Haufen, raeumen Laeden ein oder sammeln sich zum Gespraech. Frauen tragen volle Wasserkanister an Stirnbaender in ihre Hoefe oder gehen mit wehenden Tuecher ihrem Tagewerk nach.

Ein letztes Glas suess-kraeftiger Sud aus der koechelnden Kanne, bevor am Orsschild Richtung Medenine eine leere Dose ueber den Asphalt scheppert. Ein uebertuermter LKW sich die Steigung hinauf quaelt und statt Dieselgestank den Duft frischer Strohernte um den Kopf wehen laesst.

Like Stars, not war

Vorurteile gehoeren hinterfragt. Zumal, wenn man der betreffenden Sache gegenueber kein Wissen hat. Star War-Fans werden fassungslos schauen oder genervt mit den Augen rollen. Ich stehe in Suedtunesien in einer filmreifen Landschaft, blaettere in Tatooine in einem Hefter mit abgegriffenen, alten Zeitungsartikeln und beginne mich zu interessieren.

Star Wars Schoepfer Lukas bekam von der Filmindustrie eher bescheidene Vorschussgelder. Grosse Kulissenbauten fielen also aus. So fanden sich gute Orte zum drehen in London und dem kleinen Maghrebstaat. Ein Feuerwerk der Kreativitaet ging ueber den Figuren, der Handlung, den Effekten, ueber galaktischen Spielereien auf. Inspiriert von fernoestlicher Religion und der Diktatur des Nationalsozialismus trifft Buddhismus auf Sturmtruppen, Popkultur auf Mythenwelten und klassische Geschichten.

Heldenepos, Weltraumabenteuer, Galaktische Oper. Fast 50 Jahre Star Wars haben eine anhaltende Begeisterung, ja eine neue Spiritualitaet in die Welt gesetzt.

Tunesien-ein unvollstaendiger Blick

Mitte Juli 2022 sollen die Waehler ueber eine neue Verfassung abstimmen. Ein Jahr zuvor hatte Kais Saied die Macht im letzten verbliebenen Hoffnungsland Nordafrikas uebernommen. Und siebzehn Monate Alleinherrschaft sind seine, denn erst im Dezember 2022 sind Parlamentswahlen angesetzt. Mit der Ernennung der 63jaehrigen Najla Bouden Romdhan zur ersten Regierungschefin der arabischen Welt, versucht Saied die Kritiker seines Putsches zu beruhigen.

Und Europa bangt um den aus seiner Sicht verheissungsvollen liberalen und demokratischen Musterstaat, der aus der Jasmin Revolution hervor gehen sollte. Fragt man die Menschen im Lande, geben sie sich eher gelassen und hoffen auf bessere Zeiten. Seit der Revolution hat das Land zehn Regierungen gebildet, liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 30 Prozent, ist das Standbein des Tourismus durch die Pandemie geschwaecht. Die politische Klasse entfernt sich von der Bevoelkerung, waehrend der Sicherheitsapparat, laut Amnesty International, den Menschen mit Folter, Misshandlung und Willkuerlicher Verhaftung zusetzt.

Der 34 jaehrige unabhaengige Journalist Fadil Aliriza vom Nachrichtenportal „Meshkal“ sagt in einem juengst gehaltenen Interviev, dass viele Menschenrechtsaktivisten und zivilgesellschaftlichen Organisationen sehr genau beobachten, was der Praesident tut. Und durchaus sich selbst in der Lage fuehlen ihre Stimme zu erheben. Keiner will die erkaempften Freiheiten der vergangenen 10 Jahre wieder aufgeben.

Knapp 400 km suedlich des Machtzentrums, in den Palmenoasen am Rande der Sahara, hat die Dattelernte begonnen. Weisse Zentnersaecke neben abgeschlagenen, gelb leuchtenden Rispen, an denen die weltweit ueber 1000 Dattelsorten haengen. Als Hauptexporteur hinter Aegypten, haben die Wirren der letzten Jahre auch diesen Einkommenszweig geschwaecht.

Ein Augenblick des heimatlichen Weihnachttages zieht am staubigen Ortschild von Douz vorbei. Auf der Buehne hohe raschelnde Palmenkronen, wuestengegerbte heilige Koenige auf Kamelen. Nur Maria und Josef haben sich verspaetet. Probleme an der Grenze oder einen besseren Ort gefunden. Keiner weiss etwas.

Douz liegt im Fieber des Saharafestivals. Gerade startet, nach bruellend, kreischendem Erheben, der Kamelmarathon. Und legt, ueber den, in die Wueste ausufernden riesigen Platz, eine neue Schicht gelbbraunen Staubes. Der in warmen Schlieren den Westen tuencht. Das schwere MG der Nationalgarde wird vom Dach getragen, die vergitterten Busse raeumen mit aufwirbelnden Fahnen den Platz. Die Presenz des Paramilitaers hat nichts zu bedeuten, sagt Bachtiar, einer der jungen, traditionell gekleidetetn Reiter der bunt gewuerfelten Gruppe mit Warmbluetern. In 53 Jahren Festival gab es keinen Anschlag, keine Unruhen. Eher Antiterrorvorwand gegen die aus den Medien beschworene, islamistische Gefahr aus Algeriens Wuestengebieten.

Am fruehen Abend des dritten Weihnachtstages sind die internationalen Fahnen eingeholt und Douz kehrt zu einer fuer arabische Verhaeltnisse ruhigeren Gangart zurueck. Die Cafes bleiben gut besucht, Haendler warten auf Kundschaft, Musik tropft von hohen Masten. Mopedauspuff, der Staub ausfahrender Kleinbusse mischt sich mit dem Feuerrauch der fruehabendlichen Brotstaende, treibt in die Schichten eines bald Kobaltblauen Himmels. Der beste Weg zu den scharf-pikant gefuellten Broten liegt zwischen Verkehr und hohem Gehweg oder man wechselt, je nach Angebot. Parkende Mopeds, bruechige Einfassungen staubiger Baeume, temporaere Sitzgelegenheiten, Grosspackungen Waschpulver, bunte Aufsteller, Secondhand fuer Moebel und Waschmaschinen, Kieshaufen und Zementsaecke, schicke Fliesen und glitzernde Badamaturen, sich stapelnde Ersatzteile fuer rollende Vehiekel, knackige Jeanstorso, bonbonfarben verpackte Autoreifen. In der zweiten Etage schraege Kisten fuer Zwiebel, Orange und Kartoffel, kleine Tuerme mit Teepackungen, kiloweise frisch geerntetes Brot der Wueste aus staubigen Kisten oder schoen gelegten fruchtigen Aesten in Exportkartons, leuchtende Stoffballen, selbst gebaute kleine Zapfsaeulen fuer Benzin. Ueber Kopf der meist bis Mittag verkaufte Kopf eines Kameles mit blassweiss herab haengender Speiseroehre. Mit dickem Fell belassene Laeufe und frisch gehaeutete Leiber beraubten Lebens runden die Palette. Daneben Schaufenster neuer Handymodelle, goldfunkelnder, schwer wirkender Hochzeitsschmuck, eine Galerie sich lustvoll drehender Gieskannen und Wischeimer.

Letzte Strahlen warmen Lichtes wandern der weissen Kuppel eines rechteckigen, mit Doppelspitzen verzierten Gebetsraumes zu.Der auf der nordwestlichen Ecke, des mit vielen Graeber ueber zogenen Friedhofes steht. Spitz, aufrecht stehende Steine tragen die staubigen, selten bunten Tuecher der Verstorbenen. In Bechern und Schuesseln trocknet Wasser dem Himmel entgegen. Oder gibt, so erzaehlt uns Amir, den Voegeln Labsal und den Verstorbenen einen Hauch weniger Einsamkeit. Fuenf hoch gemauerte Tore mit Holz und Blechfluegel zum Eingang umfassen das schattenlose Areal. Am westlichen Mauerlauf waechst der schlank gehaltene Neubau des dann hoechsten Minarettes, der Deshar-Moschee, von Douz empor.

Bruecke aus Kultur und Glaube

Konflikte unterschiedlicher Interessengruppen liegen in der menschlichen Natur. Und Fanatismus steckt in jeder Religion. Nichtsdestotrotz bietet das Mittelalter der Iberischen Halbinsel, mit drastischen Herrschaftswechseln grosser Reiche, eine damit einhergehende kulturelle Vielfalt grossen Ausmasses. Das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Weltanschaungen waren beispielhaft fuer die folgenden Jahrhunderte.

So erlebten die fruehen Jahre des maurischen Spaniens eine kulturelle Bluete in Kunst, Religion und Staatswesen. Entwicklungen, die noch bis in die heutige Zeit nachwirken.

Der juedische Philosoph, Arzt und Rechtsgelehrte Moses Maimonides gilt als geistiger Wegbereiter des Mittelalters. Geboren um 1138 im andalusischen Cordoba war Ibn Maiman, so sein arabischer Name, fuer Jahrzehnte das geistige Haupt der Sephardim. Diese auf der iberischen Halbinsel lebenden Juden, liessen sich nach ihrer Flucht um 1500 in Teilen des Osmanischen Reiches, dem Maghreb und Nordeuropas nieder. Maimonides umfangreiche Ausbildung im Studium der rabbinischen Schriften, erweiterte sich im Erwerb der Kenntnisse zu Astrologie, Mathematik und Physik sowie dem Studium der Medizin.

Seine Hauptwerke finden sich in der Systematisierung des juedischen Rechtes und einem, wegen seiner Radikalitaet umstrittenen Werkes, “ Wegweiser der Verwirrten“ wieder. Mit jenen „Verwirrten“ meint Maimonides Menschen, welche welche in der juedischen Tradition verwurzelt sind, sich aber anderseit durch ein Wissen philosophischer Denkweisen in einen neuen Kontext ihres Glaubes begeben. Heute als interdisziplinaer geltend, spiegelt es einen voellig neuen geistigen Blick auf juedische Religion und philosophische Wissenschaft wieder.

Diese Horizonterweiterung rief bei orthodoxen Kraeften eine heftige Kritik hervor. Maimonides Ueberarbeitung der rabbinischen Rechtsauslegung in 14 Baenden fuehrte, auch im Zusammenhang um die Kontroverse zu seiner religioes-philosophischen Position, zum sogenannten Maimoniden-Streit. Dennoch gilt Maimonides als die Autoritaet schlechthin, auf dem Gebiet der religioes, gesetzlichen Literatur.

النزاعات بين مجموعات المصالح المختلفة هي طبيعة بشرية. والتعصب في كل دين. ومع ذلك ، فإن العصور الوسطى لشبه الجزيرة الأيبيرية ، مع تغييرات جذرية في حكم الإمبراطوريات الكبيرة ، قدمت قدرًا كبيرًا من التنوع الثقافي. كان التعايش السلمي بين الأديان المختلفة ووجهات النظر العالمية نموذجًا مثاليًا للقرون التالية.

شهدت السنوات الأولى لموريس إسبانيا ازدهارًا ثقافيًا في الفن والدين والدولة. التطورات التي لا يزال لها تأثير حتى يومنا هذا.

يعتبر الفيلسوف والطبيب والباحث القانوني اليهودي موسى موسى بن ميمون الرائد الروحي في العصور الوسطى. وُلِد ابن ميمان حوالي عام 1138 في قرطبة ، الأندلس ، واسمه العربي ، وكان الزعيم الروحي للسفارديم لعقود. استقر هؤلاء اليهود الذين يعيشون في شبه الجزيرة الأيبيرية في أجزاء من الإمبراطورية العثمانية والمغرب العربي وشمال أوروبا بعد هروبهم حوالي عام 1500. موسى بن ميمون تدريب مكثف في دراسة الكتب المقدسة الحاخامية ، وتوسع في اكتساب المعرفة في علم التنجيم والرياضيات والفيزياء وكذلك دراسة الطب.

يمكن العثور على أعماله الرئيسية في منهجة القانون اليهودي وفي عمل مثير للجدل بسبب راديكالية „دليل المشوشين“. من قبل هؤلاء „المرتبكين“ ، موسى بن ميمون يعني الأشخاص المتجذرين في التقليد اليهودي ، ولكنهم ، من ناحية أخرى ، يضعون أنفسهم في سياق جديد لعقيدتهم من خلال معرفة طرق التفكير الفلسفية. يعتبر اليوم متعدد التخصصات ، فهو يعكس وجهة نظر فكرية جديدة تمامًا للدين اليهودي والعلوم الفلسفية.

أثار توسيع الآفاق هذا انتقادات شديدة من القوى الأرثوذكسية. أدت مراجعة موسى بن ميمون للتفسير القانوني الحاخامي في 14 مجلداً ، فيما يتعلق أيضًا بالجدل حول موقفه الديني الفلسفي ، إلى ما يسمى نزاع موسى بن ميمون. ومع ذلك ، يُنظر إلى موسى بن ميمون على أنه السلطة النهائية في مجال الأدب القانوني الديني.

Heimat des Augenblick

Unter seismischer Sehnsucht

der alten Heimat entfremdet

tauch ich Muster neuer Sonnen

in fluessige Suesse

fische zitternde Streifen des Osten

aus naechtlichen Pfuetzen

will zur Hingabe der hellen Orte

das Glueck des Uebersehen werdens legen

will den Flug der Worte

dem Ruf der Glocken

alle Himmel

geben.

Cordoba , Dezember 2021

Andalusischer Winter

Auf der Strasse wandernder Sterne

ueber dem

endlos

gierig

flatternden grauen Meer

das sich speist

aus Verschlingen und Begehren

kaemmt Kassiopeia

ihr leuchtendes Haar

das levantisches Feuer

in den Tag lockt

dem eine Dezembersonne

mit Lametta folgt

um den Enkeln ihres Gatten Kepheus

die fast vergessene Glut der Heimat

ueber die einsamen Haende,

die gebeugten Nacken

zu legen.

Papierlos, rechtlos, ausgebeutet.

In Andalusien schuften zehntausende Migranten unter sklavenaehnlichen Bedingungen, damit taeglich Lastwagen

Richtung Norden rollen koennen, um europaeische Supermaerkte mit billigem Obst und Gemuese zu beliefern.

Die Lebenbedingungen der Landarbeiter in der Region sind teilweise dramatisch. Besonders uebel wird den

afrikanischen Immigranten mitgespielt, die mancherorts in Elendsgettos zwischen den Plantagen hausen.

Oft ohne Wasser, Strom, Toilette.

Ende der Welten

Hohes Duenengrass biegt sich unter dem auffrischenden Wind. Sturmmoewen schweben am bleiernen Himmel. Seit gut einer Stunde spielen die Gestirne mit der zweiten Flut des Tages.

In Kalkutta ist es eine halbe Stunde nach fuenf Uhr. Vom Turm des Tata-Centers aus, kann man den gluehenden Gong im hellen Osten erblicken.

An den Waenden der Slumbehausungen um die peruanische Hauptstadt Lima zucken die Schatten vom Licht der ersten Kochfeuer. Die Sonne nimmt die Waerme des Tages mit.

Am Strand ist eine Frau zu sehen. Stille, aufrechte Gestalt. Ihr ruhiger Blick taucht in die Weite grau-blauer Farben. Im Sand, neben ihren in gruenen Turnschuhen steckenden Fuessen, steht eine verblichene, schwarze Reisetasche. Die roten Tragebaender verdecken den Schriftzug, der mit einem schwungvollen N und einem K hervor leuchtet.

Ist sie gerade angekommen? Nimmt sie eine Art von Abschied? Oder wartet sie auf eine waage Weiterreise? Wir wissen es nicht und auch der Ort ihres daseins ist unbekannt. Es bleibt das Wissen, sie an einem Ende der Welt stehen zu sehen.

Im Mittelalter liefen die Jacobspilgerer auf das Ende der Welt zu. Vier Dutzend Kilometer von Santiago de Compostella entfernt, an der Costa de Morte, liegt Cap Finisterre und das damalige westliche Ende der Welt. Mit der Entdeckung Amerikas und der damit verbundenen Kulturzestoerung, dem morden und pluendern von ueber Jahrhunderten gewachsenen Gesellschaften, wurde die Scheibe, mit den Jahren der Gewissheit, auf einen Ball gespannt. Obwohl die Enden der Welt von den dort lebenden Menschen im Bewustsein getragen wurden, galt ihre importierte Entdeckung als bluetenweisse Leistung. Ein in Sehnsucht gepflanzter Antrieb zu immer neuen abenteuerlichen Reisen und Hegemomievorstellungen.

Aber das Paradies ist kein Pfirsich mehr. Und Alice bekommt kein Visum fuer das Wunderland. In Zeiten der Moeglichkeiten fuer die damit Bevorteilten, in kurzer Zeit an allen Orten der Welt ein zu fallen, ist der Bogen laegst ueber spannt. Der Untergrund des Lebens wir ausgehoehlt. Die Hoffnung traegt zum Unglueck der Menschen bei. Mit „es wird schon alles gut gehen“ schleicht man sich am kompromisslosen Handeln vorbei. Jeder von uns findet Wege, sich der Realitaet anzupassen. Die Hoffnung drueckt uns in den klebrigen Sessel des Wegschauens zu Gunsten eigener Vorteile. Dem Klammern an Luxus und Bequemlichkeit. Manche Menschen scheinen wieder der Vorstellung einer Scheibe zu zu laufen. Da endet die Welt gerne an Straenden, Mauern, geopolitischen Machtspielen. Ein dahinter existiert nicht. Eine neue Art Terra incognita entsteht.

Der Strand ist nun leer. Der Wind staerker geworden. Moewen balancieren in der Stroemung. Schaeumende Wellen haben ihre Fussspuren verwischt. Der vielleicht letzte Engel ist der Erde entschwebt.

Erzaehlung vom Wege

oder die Enkel von Karl und Luis

Seit Tage weben die Geister an den Nebeltuechern, die feucht und fast unbewegt in den Gassen haengen. Citlalicue schlendert zur morgenrunzligen Daemmerstunde ueber die Avenida Teodoro Platas, deren helle Wegeplatten von dunklem Moos gerahmt sind. Aus einem Hoftor heraus folgen ihm ein paar Huehner, fuer die sei, kaum von der Seite weichender Hund nemens Andalus, kein Interesse zeigt. Nur die Geier in den Montezuma-Zypressen werfen scheue Blicke auf die kleine Prozession. Eine rotbraun gestreifte Wollmuetze bedeckt das oelig glaenzende Haar und in Citlalicues Kopf spukt einer dieser Vulkane mit Ameisenschwaermen wie Lava, unter einem von Wolken geschnittenen Mond.

Vor ein paar Tagen waren einer Kuh Fluegel gewachsen und rasch hatten der Himmel und die nahen Berge sie zu sich gerufen. Auch heute morgen bot sich dieses Bild und seine Kraft als Heiler war nun dringlich, ja ganz auf die Loesung dieses Problemes geheftet.

Sein Blick streif die die abgewetzten Tische vor Luis Bar und bleibt an einem stehen gebliebenen, halbvollen, die ersten Sonnenfruechte fangenden Glasses haengen. Ploetzlich ist er wieder im Zimmer seiner Kindheit. In einem weiss gemauerten Haus mit kleiner, von Licht durch brochenen Mauer umgebenden Terasse. Deren Blick einer staubigen, andalusischen Strasse folgt. An der immergruene Baeume wie Spielsteine stehend warten. Und den huegeligen Laken hellen Umbras Leben einfluestern. Hinter einer verschlossenen Tuer, weil seine Mutter wegen der mittaglichen Hitze Angst um seine Gesundheit hatte. Die Flecken eines von Sonne durch brochenen Wasserglasses wanderten ueber die lehmfarbene Wand. Anfangs hielt er die damit entstehenden Toene fuer eine Taeuschung aber schon bald konnte er ihnen in einer ihm eigenen Sprache folgen.

Zum Ende des Sommers kamen drei fremde Maenner in dunkelrot gefaerbten, hoch geknoepften, Maenteln in ihr Haus. Sie fuehrten nur eine zusammen gerollte Decke und ein in weisses Leinen geschlagenes Buch mit sich. Dieses gaben sie Citlalicue und auch wenn die Schrift ihm fremd erschien, konnte er darin lesen. Konnte in seinen Gedanken eine kleine Pyramide des Wissens aufbauen. Die Maenner schliefen eine Nacht mit im Haus und am Morgen verabschiedete er sich traurigen Herzens von seiner Mutter um den Gesandten in ein neues Leben zu folgen. In das ihn, wohlwollend begleitet, ein langer Weg und ein grosses Wasser bringen sollten.

Andalus, der wegen einer vor ihnen den Weg kreuzenden Puffnatter kurz inne haelt, holt ihn aus seinem Tagtraum zurueck. Nun, er ist unterwegs zu Angelita, die mit einem schwefelgelben Lama und ihrem Harmonium ueber dem Fluss wohnt. Er wird ihr einen Kuss auf die Stirn geben, Tee kochen und die Sache mit den fliegenden Kuehen erzaehlen. Vielleicht hat sie noch einen guten Rat fuer ihn.

Iberische Serengeti

Weit vor der Zeit Hannibals, der im zweiten Punischen Krieg um 200 vor Chr. das noch junge roemische Reich an den Rand der Niederlage brachte, als auch zur Herrschaft von Ibn Marwan ueber das maurische Emirat im 9. Jhd, erstreckte sich eine DEHESA ueber weite Teile der westspanischen Extremadura.

Die Rede ist vom Hutewald, einer Waldheide deren Synergien zwischen Flora und Fauna fruehzeitig entdeckt und genutzt wurden. Immergruene Stein- und Korkeichen, die Duerre ertragen und ein Alter von bis zu 400 Jahren erreichen, liegen locker verteilt ueber dem von Berghuegeln gepraegten Weideland.

Sich windende Steinmauern trennen Weiden, welche traditionell gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden und sich heute noch oft im Gemeindebesitz befinden. Die Waldweide verschafft den Kuehen, Schweinen und Schafen nahrhafte Fruechte samt Blaettern und Zweigen der jungen Baeumen. Dieser Verbiss reduziert den Jungwuchs und gibt den fruchttragenden grossen Baeumen mehr Licht. So entstanden im Lauf der Zeit lichte, fast offene, parkartige Waelder.

Nach hunderten Kilometern kasillischen Hochlandes, der fast baumlosen Iberischen Meseta, dem das Auge Balsam und Suche zugleich sind, bringt die Dehesa eine halbschattige, von breiten Kronen ueberspannte Pracht und Fuelle. Meditativ anmutende Pappelsaeulen, stellen Farbstreifen an Wasserlaeufe. Fette Agaven haengen halb ueber broeselnder Lehmmauer, wirken wie muede, erschoepfte Schwerter eines langen Sommers.